Projekt 2021

Vier Komponist*innen, zwei Interpreten, eine Idee.

Die Oboisten des Projekts »Migrants« haben in der Schweiz studiert und gearbeitet. Während dieser Zeit haben sie auch eine Identitätsbeziehung zu diesem aussergewöhnlichen Land entwickelt, das ihnen die Türen öffnete und sie auf selbstlose Weise unterstützte. Die Komponist*innen, die Teil der ästhetischen und klanglichen Entstehung dieses Projekts sind, sind Schweizer Staatsangehörige. Doch ihre Laufbahnen, ihre Lebensgeschichten sind von Migrationserfahrungen geprägt. Es sind genau diese Erfahrungen – mehr als die Bedeutung der Migration als soziales und anthropologisches Phänomen -, die wir in Musik (Klang und Wort) zu reflektieren versuchen.

In diesem Sinne sagt die Komponistin Mela Meierhans:

«Meist wird der Begriff Migrant*in mit unfreiwilliger Migration gleichgesetzt und negativ konnotiert. Dafür ist aber eher der Begriff Flüchtling richtig; jemand der dies nicht freiwillig tut. Die freiwillige oder auch Bildungsmigration betrifft uns alle, die wir in diesem Projekt mitwirken. Wir erleben die Koexistenz verschiedener Kulturen, die kulturellen Unterschiede als erwünscht. Trotzdem gibt es aber auch da unangenehme Erlebnisse, wie sie auch unfreiwillige Migrant*innen /Flüchtlinge machen; Rassismus, Sprachschwierigkeiten etc. Das Eigene im Fremden, das Fremde im Eigenen wird „durcheinandergeschüttelt“. Wenn die Sicherheit und finanzielle Lage es erlauben, dann mag das für die künstlerische Arbeit befruchtend sein und ist je nachdem ein Privileg oder ein Menschenrecht. Es kann aber auch irritieren, Krisen auslösen oder schlimmstenfalls die Arbeit unmöglich machen».

Aus der Ur-Migration möchte die Komponistin Michelle Rusconi Stoff und Kraft für ihren kompositorischen Beitrag schöpfen. In ihren Worten:

«Die Wanderungen der prähistorischen Menschen wurden immer vom Klima beeinflusst. Zuerst emigrieren diese nur innerhalb Afrikas, dann, vor circa zwei Millionen Jahren verlässt der erste archaische Homo Erectus, (Homo Ergaster), Pionier der Menschheit, den afrikanischen Kontinent und gelangt zu Fuss bis nach Indonesien. Er taucht nacheinander in Asien, Australien, Nord- und Südamerika, und Europa, auf. Es wird mehrere Migrationswellen geben, die bis heute andauern. Die klimatische Unbeständigkeit und die ständigen Klimaschwankungen setzen die Lebewesen unter Druck. Wer überlebt? Hungrige Schweine, Antilopen und Nilpferde setzen sich in Bewegung, der fleischessende Homo Sapiens folgt ihnen und breitet sich, immer auf der Suche nach Nahrungsmitteln, allmählich über sämtliche Kontinente aus. Er passt sich an. Und es scheint, dass die schnellen Veränderungen der Natur schliesslich zum eigentlichen Katalysator für die menschliche Evolution werden. Für das Projekt »Migrants« bediene ich mich der Assoziationen aus der oben beschriebenen Urzeit. Sie erlauben mir, mich dem Migranten mit einem ursprünglicheren und neutraleren Blickwinkel zu nähern, Before Adam, (Jack London), vor der ‘Zivilisation’, vor den Glaubenssätzen, vor der Philosophie, vor den Nationen mit ihren Grenzen, vor der Politik, vor der Sprache, und vor allem: vor jeglicher Moral und Ideologie. Es ist der hungrige, neugierige Affe, der ursprüngliche migrant, der mich interessiert. Um jedoch den Bogen zur Gegenwart zu schlagen, werde ich, parallel zum musikalischen Geschehen auf der Bühne, ein Tonband laufen lassen mit Sprachaufnahmen von Migranten und/ oder Asylsuchenden verschiedenster Ursprungsländer (und Sprachen) im Raum Basel und Genf, die Texte zur Aufenthaltsgenehmigung und deren Bedingungen in der Schweiz lesen – und darüber stolpern».

Der Komponist Leonardo Idrobo konzentriert sich auf Bewegung (Migration im übertragenen Sinn) als treibende Kraft:

«Meine jüngsten Kollaborationen mit Solisten und kleineren Instrumentalformationen haben sich vor allem mit Aufgaben beschäftigt, wie man Klangmaterial erzeugt und wie man es in ein bestimmtes Thema einbettet. Ich weiss in der Regel nicht, was zuerst kommt: Ist es ein bestimmtes Thema, meist nicht unbedingt musikbezogen, oder ist es eher ein spezifischer «Sound»? In jedem Fall ist es für mich wichtig, «den Klang zu formen», damit er einem bestimmten Zweck dient. In diesem speziellen Fall von »Migrants» werde ich mich darauf konzentrieren, Klänge der unteren Stimmlage der Oboenfamilie herauszufinden, die jeder Art von «Bewegung» ähneln: jeder Klang für sich, aber auch in Verbindung mit anderen Klängen um neue «Gangarten», sozusagen, zu erzeugen. Einige wenige Klangquellen bleiben stehend, während andere sich ständig bewegen. Die Klänge können statisch sein oder sie können sich sehr langsam «entfalten», während andere sich in unterschiedlichen Schrittgeschwindigkeiten verändern oder die Statischen sogar mit neuem Klangmaterial, mit neuen musikalischen Ideen konfrontieren, welche sich entwickeln können oder auch nicht. Das Publikum wird die Möglichkeit haben, frei herumzulaufen, von einer Klangquelle zur anderen zu migrieren, zwischen verschiedenen Klangquellen oder sogar ausserhalb der vorgeschlagenen Klangleinwand zu bleiben, während die Performance stattfindet».

Der Komponist Lukas Huber legt den Fokus auf den langsamen, aufbrühenden Arbeitsprozess mit den beiden Interpreten und ihren musikalischen Erfahrungen. In seinen Worten:

«Für »Migrants« werde ich zusammen mit den Oboisten [Vicente Moronta und Ricardo Riveiro] in einer über mehrere Monate andauernden Zusammenarbeit ein Tapestück entwickeln, wobei ich kontinuierlich Material mit ihnen aufnehmen, verarbeiten, „zurückspielen“ und produzieren werde. Die finale Version des Tapes fungiert schliesslich als Grundlage / Referenz für den letzten Arbeitsschritt, bei dem in der direkten (und nun nicht mehr „entkörperlichten“) Zusammenarbeit (Live-)Elemente zusammen mit dem beiden Musikern entwickelt werden: Live können Elemente aus dem Tape z.B. ersetzt, gedoppelt oder kontrastiert werden».

Klänge in Bewegung. Verschiebung. Vertreibung. Konfrontation, Reflexion und Herkunft. Meierhans bringt zum Schluss der Performance alle Elemente zusammen:

«Mein Anliegen ist es nun, diese Migrationserfahrung kompositorisch zu spiegeln oder zu verarbeiten. Mich interessiert nicht eine Komposition über Migration, sondern dass im Dialog, im Austausch, im Verarbeiten und Bearbeiten von sog. fremden sowie dem eigenen Material Migration das Kompositionsprinzip selbst wird. Wie reagiere ich in einem fremden Kompositionsumfeld? Was machen „die anderen“ mit meinem Klangkörper? 4 Komponist*innen migrieren mit ihrem Material. Jede/r stellt jeder/m einen Klangkörper/Klangblock o.ä. aus seiner Arbeit zur Verfügung. Mein Beitrag wäre, die Migrationsklänge am Schluss zusammenzufassen, ein mögliches Fazit von vielen“.

Die Schweiz bietet in vielerlei Hinsicht die ideale Plattform an, unser Projekt »Migrants« zu entfalten, in so komplexen Zeiten wie heute als Beitrag zu einer möglich gesunden und anregenden Diskussion vorzustellen. Kurzfristig beabsichtigen wir, »Migrants« in alternativen Räumen in der Schweiz einem vielfältigen Publikum zu präsentieren. Mittelfristig haben wir vor, damit auf Tournee zu gehen durch andere Länder Europas, sowie in Nord- und Südamerika.